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Lassen sich die Studieninhalte im Beruf gebrauchen?

21.01.2021 Isabelle Schlegel

Bericht von Isabelle Schlegel

 

Gelegentlich bekomme ich von KollegInnen, PraktikantInnen, Alumni, FreundInnen oder Bekannten zu hören, dass sich Studieninhalte im Beruf kaum anwenden lassen. Zu theoretisch, zu veraltet, zu was auch immer. Auch in Bewerbungsgesprächen wurde ich häufig dazu befragt. Meine Antwort? Mais oui.

Die Inhalte des Studiengangs Europäische Medienkultur sind vielseitig, manchmal merkwürdig, manchmal unsinnig, selten langweilig. Manchmal führen sie auf Ab- oder Umwege, manchmal in Gebiete, mit denen wir nicht vorhatten, uns jemals zu beschäftigen.

„Europäische Medienkultur“ ist ein Konglomerat aus Wissen. Es sammelt sich zusammen aus verschiedenen Disziplinen, den Medien- und Kulturwissenschaften, Einflüssen der Film- und Buchwissenschaften, Publizistik, Journalismus, Wirtschaftswissenschaften. Vor allem der Wechsel an die Uni in Lyon führte dazu, dass ich mich mit soziologischen Theorien und den Erkenntnissen der Kommunikationswissenschaften auseinandersetzte.

In meiner Studienzeit beforschte ich Themen wie ‚die Grenze', den Neorealismus in Roberto Rossellinis Film Stromboli, die Figur und Rolle von Intellektuellen in Deutschland und Frankreich. Ich nahm in den Sesseln des Lichthaus Kinos in Weimar Platz, schaute die Klassiker der Filmgeschichte und lauschte den DozentInnen welche die Filme philosophisch einordneten. Ich schrieb über das Symbol der Pflanze im Film „Léon der Profi“, während wir uns in Lyon dem Verständnis und dem Zugang von Kultur durch die Analysen des Soziologen Pierre Bourdieu näherten. Das klingt sehr theoretisch.

Nebenbei blieb Zeit für tatsächlich praktische Arbeiten. Egal ob für das Studentenradio in Weimar bauhaus.fm, in der Schreib- und Podcast-Werkstatt mit dem deutschen (Hörbuch-)Autor Martin Becker oder in Uni-Übungen mit französischen JournalistInnen zum gelungenen Zeitungs- oder auch Wikipedia-Artikel – wir lernten das neue Wissen auszuprobieren. Darüber hinaus untersuchten wir Mediadaten von Zeitschriften oder Kommunikationsstrategien von europäischen Organisationen.

Wenn ich danach gefragt werde, um welche Medien es denn ging, dann hole ich aus. Medien im weitesten Sinn. Ohne Medien könnten wir nicht kommunizieren, schlimmer noch, nicht existieren. Als Menschen machen wir uns durch Medien begreiflich, wie durch unsere Stimme oder Schrift. Medien umgeben uns als eine Art Meta-Schicht. Der Mensch nutzt technische Hilfsmittel, die als Medien zu begreifen sind. So auch der Hammer von Bruno Latour. Außerdem: Alles hätte anders kommen können. Dies nannten wir Kontingenzbewusstsein, eine quasi Luhmann’sche Erkenntnis, die uns klar machte, dass wir dafür verantwortlich sind, etwas aus dem im Studium Erlernten zu machen.

Nach meinem Bachelorstudium hängte ich das Masterstudium gleich dran, sammelte Erfahrungen im Bereich des digitalen Produktmanagements im Zeitungswesen, bevor ich im Anschluss anfing für eine Unternehmensberatung zu arbeiten. In all meinen Lebens- und Arbeitsstationen schöpfte ich dabei aus dem, was wir im Studium gelernt hatten.
Ich schrieb an Presse-, Produkt- und Marketingtexten und erarbeitete Vorschläge für Kommunikationsstrategien. Ich suchte nach passenden Themen und Interviewpartnern; wenn nötig führte ich selbst Interviews oder übersetzte. Ich machte Themenvorschläge und recherchierte für neue Redaktionsformate, mit dem Wissen um die dahinter liegenden Diskurse und Methoden, wie die Erzähl- oder Bildanalyse.

Überraschenderweise war das Doppelstudium auch in doppelter Hinsicht nützlich – sowohl inhaltlich, als auch in seiner Form: das Studium an einem anderen Ort. Wir lernten, uns gut zu organisieren, auf kulturelle Unterschiede einzugehen, zuzuhören und uns in neue Kontexte einzufinden.

Wir können Analysen, aber auch sonstige Arten von Texten verfassen, Theorien strukturiert begreifen, uns in neue Themen einarbeiten, Präsentationen halten. Die Auswirkungen von neuen digitalen Technologien sind dabei keine Fremdlinge, sie waren und sind Untersuchungsgegenstand.

Der Studienbeginn im Wintersemester in Weimar liegt nun über zehn Jahre zurück. Im Dezember 2010 wurden die Gehwege vor meinem Haus auf Grund von herunterstürzenden Eiszapfen gesperrt. Selbst diese kleine Anekdote diente mir schon häufig als „Icebreaker“.