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Auf den Gipfeln: Grenzenlose Freiheit und brennende Muskeln

24.01.2020 Karoline Siebert

Bericht von Karoline Siebert

 

Zu Beginn des ersten Semesters in Lyon habe ich mich direkt in den Kletterkurs des Sportangebots der Universität Lyon 2 eingeschrieben und habe dort Zugang zur Bergsteigergruppe „Cime Lyon 2“ bekommen. Zum ersten Treffen, kamen unzählige Studierende, die alle daran interessiert waren, wandern, Klettern oder Skifahren zu gehen. Und sich eben auch wünschten, an einem großen Projekt teilzunehmen: Die Besteigung des Monte Rosa in Italien – mit allem Drum und Dran: Steigeisen, Hütte, Seil und Bergführer.

Ich habe mich also in die Liste eingetragen und wenig später gab es unser erstes Treffen. Insgesamt waren drei Tage und zwei Gipfel geplant, die Signalkuppe - auf 4554 Metern und der Giordani-Gipfel, der auf 4046 Metern liegt.

Nach regelmäßigen Planungstreffen, in denen über körperliche Vorbereitung und Materialbeschaffung gesprochen wurde, haben wir uns im Mai zu einem Vorbereitungswochenende getroffen. Ein erstes Mit- und Beieinander-Sein, in einer Hütte in den Bergen mit einer Sauna und sehr gutem Essen. Es ging hierbei aber nicht nur um ein nettes Beisammensitzen, nein, innerhalb von 2 Tagen haben wir ungefähr 3000 Höhenmeter hinter uns gebracht. Mit viel Disziplin und Willenskraft habe ich dieses Programm durchgehalten und konnte mit zitternden Beinen bis zum Ende mithalten.

 

Und dann, einen Monat später, war es so weit: Ende Juni haben wir uns alle in Bron auf dem Campus der Uni getroffen und sind in die gemieteten Minibusse gestiegen. Ein paar Stunden später waren wir dann am Fuße des Berges. Wir haben die ersten Höhenmeter mit einer Seilbahn überbrückt und sind dann zu unserer Hütte auf 3200 Meter gewandert. Dort angekommen haben wir alle die Effekte der langsam dünner werdenden Luft gespürt. Bei mir drehte es sich im Kopf ein wenig und mein Herz schlug sehr viel schneller als sonst, anderen wurde bereits jetzt ein wenig übel. Es sollte aber noch härter werden.

Auf unserer Hütte wurden wir gut umsorgt, es gab leckeres Essen und die 10er Zimmer waren gemütlich. Sehr früh sind wir dann ins Bett gegangen, um möglichst viel Schlaf und Energie zu tanken. Am nächsten Tag um 4 Uhr klingelte dann auch schon der Wecker, es wurde alles gepackt, etwas gegessen und dann ging es mit dem Sonnenaufgang und in eisiger Kälte auf den Gletscher. In 5er Gruppen an einem Seil und mit einem Bergführer stapften wir los. Zu Beginn noch voller Energie - jede Minute war ein neues Erlebnis.

 

Wir stiegen weit hinauf, gewöhnten uns an einen Rhythmus, welcher uns die schmerzenden Beine und ausgehende Puste vergessen ließ. Als wir die 4000-Metergrenze überschritten hatten, wurde wirklich jeder Schritt zu einer Herausforderung und wir haben nach Luft geschnappt, als wären wir gerade einen 100m Sprint gelaufen. Nach den letzten 500 Höhenmetern voller Schweiß und Schmerz hatten wir es geschafft, wir standen auf dem höchsten Berg der Schweizer Alpen und hatten einen unbeschreiblich traumhaften Blick. Während ich mich mit dem Blick über die Weite der Alpen und großen Wolkentürme frei und glücklich fühlte, ging es anderen immer schlechter. Die Höhe machte vielen mit Kopfschmerzen und Übelkeit zu schaffen, sodass wir relativ schnell wieder absteigen mussten.

 

Der Abstieg war dann noch um einiges schwieriger als der Aufstieg, denn die ohnehin schon angestrengten Beine und der müde Kopf mussten jeden Schritt im tiefen und mittlerweile weich gewordenen Schnee abfedern und gut bedenken. Als wir am Nachmittag wieder an unserer Hütte ankamen tat jeder Muskel höllisch weh und man konnte nur noch ans Bett denken und an die Aussicht über den Wolken, die wir uns am nächsten Tag noch einmal erkämpfen durften, diesmal sogar im Neuschnee.

 

Was für ein Schmerz. Was für ein Glück!