EMK

Interview mit Katharina Niemeyer

02.02.2015

Fünf Fragen an Katharina Niemeyer, eine EMK-Alumna (Abschluss 2003).

Katharina Niemeyer studierte Europäische Medienkultur an der Bauhaus- Universität Weimar und Informations- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Lumière Lyon 2. Neben verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten, promovierte sie an der Universität Genf über französische, deutsche und amerikanische Fernsehnachrichten und ihre Beziehung zu Gedächtnis und Geschichte. Diese Forschungsarbeit wurde 2011 veröffentlicht: De la chute du mur de Berlin au 11 Septembre 2001 - Le journal télévisé, les mémoires collectives et l’écriture de l’histoire (Lausanne, Antipodes). Vor kurzem gab sie das Band "Media and Nostalgia: Yearning for the Past, Present and Future" (Palgrave Macmillan Memory Studies in May 2014) heraus.

"Media and Nostalgia takes a closer look at the recent nostalgia boom and the relationship between media and nostalgia more generally; for example, digital photography that adopts a vintage style, the success of films such as The Artist and television series such as Mad Men, revivals of past music, fashion, and video games. However, this boom is not simply a fascination with the past; rather, it hints at something more profound. Expressions of nostalgia indicate a double helix type phenomenon with slower reactions to ever-faster technologies, and the possibility of an escape from the current crisis into a middle status of wanderlust (Fernweh) and a specific form of nostalgia such as homesickness. This collection explores, with a critical lens, the ways in which various media produce narratives of nostalgia, how they trigger nostalgic emotions and how they can in fact be a creative projection space in themselves."
(http://www.palgrave.com/page/detail/media-and-nostalgia-katharina-niemeyer/?K=9781137375872)

Heute ist Katharina Niemeyer assoziierte Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaften am Institut Français de Presse (IFP) der Universität Panthéon-Assas, Paris 2 in Frankreich und Mitglied des Zentrums für interdisziplinäre Medienforschung und -analyse (CARISM).



1) Im Jahr 1999 hast du begonnen EMK in Weimar zu studieren. Wenn du dir diese Jahre in Erinnerung rufst, wirst du dann nostalgisch?

Ja, es ist eine positive Nostalgie, da die Jahre, die ich in Weimar und Lyon verbracht habe voller verschiedener Eindrücke waren. Wenn ich daran zurückdenke, dann hauptsächlich an die schöne Zeit, die ich mit meinen Kommilitonen und Freunden in beiden Städten verbracht habe: gemeinsam studieren, das französische Leben entdecken, interessante Vorlesungen besuchen. Ich erinnere mich auch noch gut an die zahlreichen Partys in Weimar, die von einer „Wiedervereinigungs-Stimmung“ geprägt waren und meistens an verlassenen Orten oder in heruntergekommenen Wohnungen stattgefunden haben. Vielleicht gibt es ja so etwas heute auch noch. Ich vermisse diese Zeit, da Weimar Ende der Neunziger ein einzigartiger und spannender Ort war. In Lyon hat mir das Leben mit meinen Mitbewohnern in der multikulturellen Nachbarschaft gefallen. Die zwei Jahre in Lyon waren aber auch nicht immer einfach, da das Stipendium zum Leben nicht gereicht hat. Ich verbrachte so die meiste Zeit in der Uni und dann mit Nebenjobs, um mein Studium zu finanzieren. Das war aber gleichzeitig auch eine bereichernde Erfahrung, die es ermöglicht hat das französische Arbeitsleben außerhalb des Studiums kennen zu lernen. Diese Nostalgie von der ich spreche würde ich aber nicht „Heimweh“ nennen, sondern als ein angenehmes Zurückblicken betrachten.

2) Was hast du während des EMK-Studiums gelernt?

Ich habe Leben und Denken gelernt. Was die akademische Welt betrifft, konnte ich zwei unterschiedliche Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaften kombinieren: den philosophischen und theoretischen Ansatz in Weimar, mit ebenfalls kreativen Projekten wie zum Beispiel der Produktion von Fernsehsendungen oder virtuellen Seminaren. Und dann war die pragmatischere und angewandte Sicht der französischen Universität im Vergleich dazu interessant und eine tatsächlich gegensätzliche Erfahrung. Ich erinnere mich noch daran, wie die französischen Studierenden wie Maschinen mitgeschrieben haben während wir, die neuen deutschen Studierenden, zu Beginn mehr oder weniger verloren im Raum saßen, da wir eher an das interaktive Lernen gewohnt waren. Aber das ist keine Kritik, es war einfach eine andere Herangehensweise und sehr hilfreich, um eine andere Denkweise kennen zu lernen.
Ansonsten war die EMK-Zeit auch eine Zeit des Lernens, wie man lebt, den Alltag in einem anderen Land organisiert, in einer anderen Stadt. In einer anderen Sprache zu denken, auf Französisch zu träumen, zum Beispiel. Wenn man mit anderen lernt, dann lernt man eine Menge über sich selbst, 

3) Wie hat das binationale Programm deine akademische Laufbahn beeinflusst?

Es gibt unterschiedliche Einflüsse, wenn ich das Wort “Einfluss” hier überhaupt verwenden kann. Zunächst konnte ich verschiedene kulturtheoretische Ansätze und Methoden miteinander verbinden, die mir geholfen haben meine Doktorarbeit zu schreiben. Dies war ganz klar ein direktes Ergebnis der EMK-Erfahrung. Weniger in komparatistischer Hinsicht, sondern was die Themenwahl und die Datenerhebung für das Projekt anging. Die doppelte kulturelle Erfahrung war eine Bereicherung, um mit einem noch kritischeren Auge ein Forschungsthema zu bearbeiten. Und da mein Französisch mit den Jahren besser wurde, konnte ich meinen Doktor dann auch auf Französisch schreiben. Durch englische, französische und deutsche Veröffentlichungen war es einfacher, mit internationalen Forschungsgruppen und –kollegen in Kontakt zu treten.

4) Du hast an der Runden-Tisch-Konferenz während des Alumni-Treffens im Juni 2014 in Lyon teilgenommen. Berichte uns von deinen Eindrücken von der Begegnung mit den aktuell Studierenden EMK-Studierende?

Es war schön, sowohl “alte” Kollegen und ehemalige Studierende als auch die Neuen zu treffen. Es hat mich gefreut zu sehen, dass EMK mit ihrer kreativen und weltoffenen Herangehensweise weiter besteht. Die Diskussionen während der Konferenz haben eindeutig gezeigt, dass EMK nicht nur ein Programm ist, an dem man teilnimmt. Es bietet die Möglichkeit, sich kritisch mit medienbezogenen Themen auseinanderzusetzen. Es war auch spannend über die „Gender-Frage“ der Hochschul- und auch Arbeitswelt und zu sprechen. Ebenfalls war es schön zu sehen, dass EMK-Studierende ganz unterschiedliche Wege in der Zukunft gehen möchten: an der Uni bleiben in öffentlichen Institutionen oder in der Privatwirtschaft arbeiten. Die Vielfalt der Persönlichkeiten unter den Studierenden macht das Programm so interessant.

5) Was gibst du zukünftigen EMK-Studenten mit auf den Weg?

Speziell EMK-Studenten? Ich würde eher eine allgemeinere Antwort geben ... genießt diese einzigartige Zeit. Die Möglichkeit zu studieren, zu lernen und kritisch über die Welt nachzudenken, die uns umgibt ist ein Geschenk, das angenommen und bewahrt werden sollte. Ich ermutige euch alle, auf eure innere Stimme zu hören, an eure Leidenschaften zu glauben und euer Wissen und eure Ideen mit anderen zu teilen. Das Studium sollte nicht nur für euren Abschluss im Lebenslauf da sein, es sollte eine Erfahrung bieten, die euch auch für das Leben nach dem Studium neugierig und aufgeschlossen macht. Natürlich wird es auch mal Schwierigkeiten geben (finanzielle und existenzielle), aber Studieren und Denken sollten idealerweise dabei helfen, Hürden zu überwinden und ein Mensch zu werden, der bescheiden und bedacht handelt.

Vielen Dank und viel Erfolg, Katharina!